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Wieder einmal ist es Marco, der nach über 20 Jahren kontinuierlichen Gefängnisaufenthalt durch seine Person an sich, durch seine Schriften und durch seine Wörter zum Staunen bringt. Er ist selbst jetzt noch fähig seinen Protest kundzutun, unermüdlich seinen radikalen Kampf zu leben und dennoch Liebe für die zu zeigen, die sich für “seine” zerstörte Erde gegen das Voranschreiten der kapitalistischen Zivilisation zur Wehr setzen. Niemals hat es ihn zum Schweigen gebracht, niemals hat es ihn gebändigt und niemals unterworfen; dieses System, welches ihn wieder eingliedern möchte, indem es seine Identität, seinen Protest, seine Spannungen und seine Hoffnungen mit einem einzigen Schlag eines alles wegwischenden Schwammes aufsaugt. Dabei handelt es sich genau um die Überzeugungen, die ihn, mittlerweile schon ganze 40 Jahre her, dazu gebracht haben, ein vielleicht simples, dennoch aber bedeutendes Objekt seiner Kritik zu attackieren: die Industrie der elektronischen Energieproduktion. Es war nicht nur eine in Praxis umgewandelte kritische Tat seiner antinuklearen Haltung, sondern vielmehr Ausdruck einer allumfassenden Kritik gegenüber dieser systematischen Vernetzung der technokratischen Industriegesellschaft, in der der Energieverbrauch, die kontinuierliche Zerstörung, die tagtägliche Repression, die Plünderung von Rohstoffen, andauernde Kriege usw. unverzichtbarer Teil des Ganzen sind. Ein Ganzes, was es einheitlich zu bekämpfen gilt. Diese Kritik wurde uns von Marco während seines Gefängnisaufenthalts in den unterschiedlichsten Weisen mitgeteilt: mit Hilfe des Hungerstreiks zeugte er seine Solidarität, gab dadurch Anlass zu Diskussionen und es gelang ihm, seinen Ideen und Reflektionen außerhalb der Gemäuer Gehöhr zu verschaffen. Marco ist einer von uns, dazu fähig, den Feind zu erkennen und dort zuzuschlagen, wo es am Meisten wehtut. Es gelingt ihm, seine Peiniger mit Hohn zu verachten und sich trotz Gitterstäben frei zu fühlen. Er ist dazu fähig, sich im Schusswechsel gegenüber denen zu verteidigen, die ihm erneut die Freiheit rauben wollten und es gelingt ihm immer, an der Seite derer zu stehen, dessen Platz die andere Seite der Barrikade ist. Und dies alles geschieht ohne die Absicht, mythologisch zu wirken oder Heldentaten vorzugaukeln; so Marco: „[…] Lasst Euch nicht davon verzaubern, was ich als Figur wiederspiegeln mag. Ich hab es auch versucht, auf meine eigene bescheidene Weise, mich selbst aufs Spiel zu setzen und dabei ganz ans Ende zu gehen. Dies sollten wir aber nicht als überdurchschnittlich ansehen, sondern als Normalität, in der wir uns – ganz einfach – an unserem Wissen, unserem Sein und unseren Wünschen messen
::Der Preis für die FreiheitIm vergangenen Mai dieses Jahres wäre das Ende von Marcos Gefangenschaft möglich gewesen. Sobald in der Schweiz 2/3 der Strafe abgesessen worden sind, ist von einer vorgezogenen Freilassung mit Bewährungsauflagen auszugehen. In der Beschaffenheit dieser „Auflagen“ hat der Staat eine Möglichkeit gefunden, immer tiefer und härter in das Leben der Weggesperrten einzugreifen. In der Tat basiert die Entscheidung zur Freilassung heute nicht nur auf so genannten objektiven Kriterien, wie zum Beispiel der guten Führung während des Gefängnisaufenthalts oder die Zuteilung einer bestimmten Sicherheitsstufe, sondern es kommt noch viel heftiger. Es handelt sich hierbei um das Gefängnissystem an sich, welches beurteilt, ob bei den Gefangenen ein Überdenken der Straftat stattgefunden hat und ob somit eine Wiedereingliederung in die Gesellschaft zu Stande kommen soll. Extra dafür eingeführte Kommissionen entscheiden also hochtrabend darüber, ob dieses Überdenken wahrhaftig stattgefunden hat und falls nicht, werden die Gefangenen als pathologisch krankhaft eingestuft, weil sie gegenüber der heilenden Gefängnislogik immun bleiben. Mit dieser Doktrin also, die es in der Schweiz nun schon seit zehn Jahren gibt, wird sich hinter geschlossenen Türen darauf vorbereitet, damit auch auf Marco zu treffen. Mit der Ablehnung der vorgezogenen Freilassung Marcos kommen schriftliche Ausführungen und Erklärungen, die keinen Zweifel daran lassen, was nötig gewesen wäre, um eine 2/3 Verkürzung zu erreichen: Die Abschwörung seiner Identität, der Bruch mit seinen Beziehungen nach Draußen und zu anderen Gefangenen, falls sich zwischen ihnen eine übergreifende gefängnisfeindlichen Solidarität entwickelt hat. Es ist seine Persönlichkeit selbst, die auf der Anklagebank sitzt, sein freies und rebellierendes Wesen, welches ihn in diesen Jahren der Gefangenschaft an den Gitterstäben vorbei und durch die Mauern getragen hat, um an den Protesten außerhalb teilzunehmen. Es entwickelte sich ein Austausch zwischen Drinnen und Draußen, der für ihn lebensnotwenig war, damit die Haftstrafe sich nicht etwa zu dieser angstumwobenen Persönlichkeitsauslöschung entwickeln konnte.
::Eine Verlängerung der Haftstrafe?Aber es ist genau diese Richtung, die der helvetische Staat, anreihend an andere europäische Staaten, anvisiert. Mit dem gefürchteten Artikel 64 c.p., der sich als Ziel gesetzt hat, die Persönlichkeit der Gefangenen zu neutralisieren (“neutralizzare la personalità del detenuto” (sic), wurde nicht nur die Möglichkeit, ein Drittel der Strafe weniger einzubüßen, extrem eingeschränkt, sondern auch der Weg geebnet, den Gefangenen sogar noch nach dem offiziellen Ablauf der Haftstrafe weiterhin hinter Gittern zu halten. Für bestimmte Arten von Straftaten, die als Gewalttaten beschrieben werden (wobei dieses Konzept, weit ausdehnbar ist), ist vorgesehen, dass die Gefangenen von einer eigens eingeführten Kommission geprüft werden. Diese Kommission setzt sich aus Psychologen, Psychiatern, Sozialarbeitern und Kriminologen zusammen, die dann über eine eventuelle Freilassung entscheiden. Es gibt keine festgesetzten Grenzen für die kontinuierliche Verlängerung dieser Haft und, sobald einmal begonnen, haben die Gefangenen keine Möglichkeit, sich dieser zu entziehen. Diese Art demokratischer Folter wurde schon auf mehrere hundert Gefangene angewendet und es wird auch darauf hingearbeitet, dass auch Marco, nach dem Ablauf seiner Haftstrafe im Jahr 2018, unter ihr zu leiden hat.
::Seite an Seite mit Marco!Auf keinen Fall erwarten wir, noch wollen wir, einen Gnadensakt vom Staat bezüglich seines Verhaltens. Die Kritik, die Marco in sich trägt, tragen auch wir in uns, und gleich ihm wissen auch wir, wie wir diese gegen die Ziele unserer Wut zu richten haben. In den kommenden Monaten entscheidet eine weitere Kommission über Marcos Haftbedingungen. Deshalb verspüren wir die Notwendigkeit, uns in Bewegung zu setzen. Mit der Idee zu einer weitübergreifenden Widerstandsbewegung, wurde in Zusammenarbeit mit weiteren anarchistischen Existenzen in- und außerhalb der Staatsgrenzen dieses Manifest entworfen (in diesem Fall begleiten wir es mit speziell entscheidenden Punkten bezüglich der Schweiz). Hierbei handelt es sich ausschließlich um unseren Beitrag. Es gibt also keinen Aktivitätskalender unserseits, dem es zu folgen gilt, noch haben wir einen Handelsweg vorgezeichnet. Vielmehr sind wir der Auffassung, dass, umso autonomer die Handlung ist, desto erfolgsversprechender ist sie auch. Jede/r bedient sich ihrer/seiner eigenen Fähigkeiten, dem eigenen Interesse folgend, Verbindungen mit dem bildend, was sie/er als wichtig erachtet: wie unzählige Gewitterwolken, die sich im selben Himmel treffen und diesen unter dem Dröhnen eines heranbrechenden Sturms schwarz färben. Wir können dies ebenfalls als entscheidenden Moment erkennen, uns über die Tatsache Gedanken zu machen, dass die Gesetzgebung, unter der Marco höchstwahrscheinlich zu leiden haben wird, schon für viele andere Gefangene Wahrhaftigkeit geworden ist, und kaum die Gelegenheit ergriffen wurde, dies an die Öffentlichkeit zu bringen. An Marcos Seite gegen den Staat anzugehen, kann als Leitfaden gesehen werden und einen Riss bilden in der imposanten Mauer der isolierten Einsamkeit, die die Staatsgefängnisse vom demokratischen Gefängnis am „freien“ Himmel, der demokratischen Gesellschaft, trennen. Diese Absicht also, den Individuen ihre Identität zu rauben und sie zu neutralisieren, kann für die weißgekleideten Folterknechte zu einer schmerzhaften Eigentor-Erfahrung werden, die sich wie ein Lauffeuer in jeder Zelle und auf jeder Straße ausbreitet.
Marco muss die Wege der Freiheit wieder laufen können.
Wir lassen ihn nicht allein in den Fängen des Feindes.
Anarchistinnen und Anarchisten
::LinksFeature Aktuelle Repression Augenauf Dossier Marco Camenisch Urteil von Marco Camenisch 8.11.2012
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