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 :: Wir wollen keine Opfer sein, 2001 ::
08-01-2003 15:05
AutorIn :
[Anm.: Als Teil der kleinen Chronologie wider das WEF auf  http://www.indymedia.ch:8081/de/2003/01/2630.shtml publiziert.]

Der Krach um den Krawall: Zur Militanz der Autonomen

Wir wollen keine Opfer sein
Wir wollen keine Opfer sein
Wir wollen keine Opfer sein
Wir wollen keine Opfer sein
Wir wollen keine Opfer sein
Wir wollen keine Opfer sein
Wochenzeitung vom 8. Februar, 2001

Der Krach um den Krawall: Zur Militanz der Autonomen

Wir wollen keine Opfer sein

In Zürich ein gewalttätiger Haufen, in Bern eine Woche später eine herzige Schar: Die Autonomen machen wieder mal von sich reden. Ein Gespräch mit Arno Müller über Opfer und Täter.

Interview: Barbara Helg und Michael Stötzel*

WoZ: Die Demonstration in Bern am letzten Wochenende hatte eine durchweg freundliche Presse. Freust du dich über den Erfolg?
Arno Müller: Wir freuen uns über den Tag X. Das war ein grossartiger Erfolg.
Tag X, das ist die Demonstration in Zürich?
In Davos, Landquart und Zürich. Dass sich so viele Leute kollektiv auf die Socken gemacht und das Demonstrationsverbot missachtet haben, das ist der Erfolg. Wir hatten alle damit gerechnet, dass wir in Landquart gleich eingesperrt werden oder dass wir uns dort den Arsch abfrieren und demoralisiert herumstehen müssen. Und dann wurden wir davon überrascht, dass uns so schnell ein Zug für die Rückfahrt hingestellt worden ist. Das war der Moment, als die Stimmung drehte. Als der Zug anfuhr, war die Stimmung euphorisch, und wir hatten das Gefühl, von jetzt an bestimmen wir den Ablauf. Von jetzt an rennen sie hinter uns her. Jetzt müssen sie sehen, wie sie die Polizei wieder nach Zürich hinunterbekommen.
So weit ist das auch in der Öffentlichkeit als Erfolg registriert worden. Dann aber kam der Abend in Zürich.
Gut, die mediale Aufmerksamkeit lag nachher bei den Krawallen. Aber das ist immer so. Ich glaube nicht, dass das wirklich schädlich gewesen ist. Eher entstand dadurch noch mehr Druck gegen das Wef. Dessen Ansehen hat weiter gelitten, weil sich die Damen und Herren unter solchen Umständen getroffen haben; weil es ihnen egal war, dass ihr Treffen den grössten Polizeieinsatz in der Schweiz bewirkte. Darüber hinaus haben wir schon morgens am Bahnhof gemerkt, dass uns die Passanten wohlwollend gesinnt waren. Ich hatte noch nie vorher das Gefühl, dass das, was wir machen, den Leuten so gut vermittelbar ist. Demgegenüber ist nach meiner Ansicht mit der Demonstration am letzten Samstag in Bern etwas zurückgenommen worden.
Weil es dort so ruhig geblieben ist?
Es geht überhaupt nicht darum, einen Militanzfetisch vom Himmel herunterzubeten. Aber mit dieser Demonstration haben wir uns den Spielregeln der anderen unterworfen. Es ist doch schräg, wenn eine Demoleitung in permanentem Kontakt zur Polizei steht und die eigenen Leute kontrolliert. Das ist selbstentwaffnend.
Mich hat schon der Aufruf zu der Demonstration extrem gestört. Die einzigen handelnden Subjekte, die darin vorkommen, sind Bullen, Politiker und die Bonzen, die das Dispositiv bestimmen. Alle die Leute, die am Samstag zuvor nach Davos aufgebrochen waren, sind eine Woche später nur noch verdrückte Hüllen. Wir gehen einfach nicht als Opfer an eine Demo. Klar, man kann eines werden. Spätestens als wir von Landquart abfuhren, sah man aber kein einziges Opfer mehr. Gemäss diesem Demoaufruf liefen an der Berner Demo jedoch nur Opfer, keine handelnden Subjekte.
Der Krawall in Zürich war demnach nicht einfach das Produkt einer Kette von Zufällen?
Ich habe noch selten eine Demonstration erlebt, auf der man sich so gezielt einzelne Ziele vorgeknöpft hat. Es gab ein paar Deppen, wie immer, aber die Masse der Leute wusste, warum sie an dem Tag auf der Strasse war. Die Demonstranten wussten, weshalb sie einen Stein wo platzierten, weshalb dieser Superschlitten brennen musste.
Aber wussten das auch all die anderen, die gegen das Wef protestieren, ganz zu schweigen von denen, die sich über den Polizeiputsch in Davos geärgert haben?
Plötzlich ist ja ein linksliberales Spektrum wieder auferstanden, das ich seit zehn Jahren tot geglaubt habe. Andererseits mache ich mir da keine Illusionen. Jetzt sind alle extrem empört. Aber es passieren immer Sachen, die absolut zum Kotzen sind. Sie können Khaled Abuzarifeh umbringen bei seiner Ausschaffung, das kratzt nur augenauf, drei Autonome, sieben Antirassisten und zwei Antifas.
Wir fragen uns in der WoZ auch immer wieder, ob unsere LeserInnen an den im Kern zwangsläufig immer gleichen Berichten über die Behandlung von Flüchtlingen oder über aufmarschierende Faschisten noch interessiert sind. Und trotzdem: In der Auseinandersetzung über die Polizeimassnahmen wären viele zu gewinnen. Interessieren die euch gar nicht?
Sicher hat sich da plötzlich wieder ein Terrain geöffnet, und ich finde, wir müssen darauf arbeiten, um weiterzukommen. Man kann ja nicht mit Scheuklappen durch die Welt laufen.
Genau das wird euch vorgeworfen.
Jetzt beteiligst du dich auch an der künstlichen Aufregung. Vergiss nicht, wie zum Beispiel die Sonntagsmedien über Zürich berichtet haben. Ich habe noch nie Artikel gelesen, die so wohlwollend waren, wenn es so heavy abgegangen ist. Im Kontext dieses Tages glaube ich, dass viele Leute vor dem Fernseher nachvollziehen konnten, was passiert ist. Es ist andererseits klar, dass mit Hilfe dieser Bilder diejenigen, die ein Interesse daran haben, wieder gegen uns hetzen können. Sicher kann man sagen, dass wir ihnen einen Vorwand geliefert haben. Den hätten sie aber auch ohne uns gefunden.
In Zürich wurde sofort die Verbindung zum 1. Mai und zu den Verhandlungen um den Demonstrationsverlauf gezogen.
An der 1.-Mai-Nachdemo beteiligen sich nach meinem Eindruck jeweils wenig organisierte Kräfte. Dort ist das Risiko in unmittelbarer Nähe vom Festgelände so gering, dass auch der besoffene Supermacker XY noch eine Scheibe vom Kebabstand einschlagen und ein paar Stühle zertrümmern kann. Da frag ich mich schon, was sich da so entlädt. Extrem positiv ist das nicht.
Warum machst du trotzdem mit?
Ich bin auch schon aus der Demonstration rausgelaufen. Aber wenn du als organisierter Zusammenhang dort bist, weisst du schon, weshalb.
Der «Revolutionäre Aufbau» erklärt alles, was am 1. Mai passiert, zu Befreiungstaten des kämpferischen Proletariats. Überhaupt scheint der Aufbau für euer Spektrum die Interpretationshoheit gegenüber der Öffentlichkeit zu besitzen ...
Ich komme aus dem autonomen Kuchen. Manche werfen dem Aufbau vor, er habe die 1.-Mai-Nachdemo quasi gemietet. Ebenso billig ist es, sich über diejenigen zu beklagen, die auf der anderen Seite nur noch über Gewaltfreiheit und Friedlichkeit reden. Entscheidend ist aber, bei der eigenen politischen Schwäche anzusetzen. Weshalb schaffen wir es nicht, unsere Ziele selber deutlich genug zu machen?
Was tut ihr, um eure Position deutlicher zu machen?
Da läuft sehr vieles informell. Über Infoläden, und wenn es hoch kommt, gibt es eine Debatte im Berner «Megafon». Dann gibt es vielleicht noch das Lora. All das hat aber eine sehr geringe Reichweite.
Das immerhin müsst ihr der Berner Demonstration zugute halten: Die Organisatoren hatten eine ganz genaue Vorstellung davon, was sie der Öffentlichkeit darstellen wollen, nämlich vorzuführen, dass autonome Politik sehr friedlich und sehr brav sein kann. Und damit sind sie durchgekommen.
Mein Problem ist, dass ich in diesem Diskurs von der Gewaltfreiheit den herrschenden Diskurs sehe, und die Leute, die die Demo organisiert haben, haben sich diesem unterworfen. Gewalt ist plötzlich nur noch, wenn Steine fliegen und Autos brennen. Die alltäglich herrschende strukturelle Gewalt wird so unsichtbar gemacht.
Der Diskurs von der Gewaltfreiheit ist der herrschende Diskurs?
Der Druck auf OrganisatorInnen der Proteste gegen das Wef war im Vorfeld schon gigantisch. Trotzdem blieben sie dabei, sich nicht einfach von politischer Militanz zu distanzieren. Man wollte sich die Mittel des Protestes nicht vorschreiben lassen, sich nicht vorab schon von Leuten distanzieren, die vielleicht eine Sperre durchdrücken könnten, sanfter oder gröber. Die OrganisatorInnen waren so bös und distanzieren sich nicht - das fand ich stark.
Es gab allerdings einen gravierenden Fehler. Irgendein durchgeknallter Punk hat die Parole «Davos wird brennen» ins Internet gestellt, und der «Blick» hat sie aufgegriffen. In dem Moment hätte von unserer Seite etwas herauskommen müssen, eine Klarstellung zu dieser Idiotie.
Diese Parole hat immerhin dazu geführt, dass während eines ganzen Monats nur über die DemonstrantInnen und ihre Ziele geredet wurde.
Trotzdem. Dahinter steckt eben genau unsere politische Schwäche, die sich im Nachhinein rächt. Es wäre sinnvoll gewesen, wenn sich Leute schon zu dem Zeitpunkt politisch positioniert hätten. Intern hätte man für Klarheit sorgen müssen darüber, was wir wollen, bis zu welchem Punkt wir gehen wollen: Eine Demo in Davos, die bis zum Kongresszentrum führt, bei der vielleicht auch noch ein paar Eier fliegen und fertig. Damit hätten wir uns nicht von politischer Militanz distanziert und denen gegenüber, die sich auch überlegten, zur Demonstration nach Davos zu fahren, sagen können, was sie erwartet.
Der medialen Öffentlichkeit gegenüber wäre das allerdings nicht sonderlich interessant gewesen. Ich gehe nicht davon aus, dass der «Blick» dann mit der Schlagzeile gekommen wäre, die autonomen Gruppen von Lugano bis Basel und Bern distanzieren sich von der Forderung, Davos niederzubrennen.
* Redaktionelle Mitarbeit: Fredy Meier.


«Die Stummen»
Ganz einfach ist es nicht, mit Angehörigen «autonomer Strukturen» ins Gespräch zu kommen. Denn im Mittelpunkt ihrer Politik steht gerade die Selbstbestimmung und die Weigerung, die eigene Meinung an irgendwelche Sprecher oder Vorstände zu delegieren. Was nicht heisst, dass «die Gewalttäter» stumm wären und ihre Aktionen nicht begründen wollten. Doch man erhält zunächst einmal die Meinungen einzelner, wie die von Arno Müller aus Zürich, Mitte zwanzig, von Beruf Fahrer. Geplant hatten wir eine Gesprächsrunde, an der mehrere seiner politischen Freunde teilnehmen sollten. Sie sagten jedoch kurzfristig ab. Begründung: Probleme, wie sie zwischen Bern und Zürich aufgetreten sind, müssten erst einmal intern ausdiskutiert werden.

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