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Blick 28.5.03
G8-Gipfel am Genfersee
Europas Chaoten drohen:
«Wir werden überall sein»
VON PIERRE A. GRAENICHER, RETO GUSTIN UND MARTIN REICHLIN
LAUSANNE. Die ersten G8-Demonstranten sind schon am Genfersee und tausende weitere im Anmarsch. Und sie drohen mit Demos und Blockaden rund um den See.
«Wir starten mit einem Sonderzug in Berlin, fahren quer durch Deutschland und sind dann am Donnerstag in Genf. Der Zug ist mit 1000 Demonstranten ausgebucht. Dazu kommen organisierte Busfahrten», sagt Malte Kreutzfeldt von «Attac-Deutschland». Allein «Attac» wird mit rund 3000 Demonstranten nach Genf reisen. Kreutzfeldt: «Wir werden Blockaden errichten, aber auf keinen Fall Gewalt anwenden.»
3000 weitere G8-Gegner aus Deutschland haben ihre Reise privat organisiert. Ihr Ziel: Lausanne.
Arthur G. aus Karlsruhe zu BLICK: «In Genf wird friedlich demonstriert. In Lausanne treffen wir uns dann mit dem harten Kern der Globalisierungsgegner.» Und G. droht: «Wenn die Schweizer Polizei uns so provoziert wie die Italiener beim Gipfel in Genua, können wir für nichts garantieren.»
Unterstützung bekommen die deutschen Chaoten aus Italien. «Wir werden in kleinen Gruppen einreisen, so werden wir an der Grenze nicht blockiert. Viele unserer Kameraden sind schon vor Ort, teilweise mit Lastwagen eingereist», sagt der Chef der radikalen Globalisierungsgegner «No-Globals», Luca Casarini, zu BLICK. Er warnt die Schweizer Behörden: «Wir werden überall sein. Die Militarisierung rund um den Gipfel lassen wir uns nicht gefallen, wir werden uns wehren.»
Auch aus Frankreich, England, Spanien und Holland haben sich Demonstranten angekündigt.
«Tausende werden nach Evian kommen», heisst es auf einer linken Internetseite in Frankreich. Im Demo-Zentrum in Annemasse wurde ein Camp mit hunderten Übernachtungsmöglichkeiten gebaut. Die Taktik der Franzosen: flexible Blockaden, schnell aufbauen und schnell wieder abhauen.
Den spektakulärsten Demo-Einsatz planen holländische Chaoten. Sie wollen mit selbst gebauten Flossen den Genfersee überqueren, um ins gesperrte Evian zu gelangen. Für die Auseinandersetzung mit der Polizei haben sie sich in der «Aktivistenschule» speziell vorbereitet und Techniken im Anketten und Blockaden-Errichten gelernt.
Die Schweizer Demonstranten wollen nicht direkt nach Evian, sondern nach Genf und Lausanne. Ihr Motto: «Blockieren, verhindern, sabotieren.» Mit Sonderzügen und einer Velokarawane werden sich tausende aus allen Kantonen auf den Weg zu den Demos machen.
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Lausanne und Genf verbarrikadieren sich
GENF/LAUSANNE. G8-Alarm am Genfersee. Es gilt den Sturm der Chaoten zu überstehen. Und die Verluste gering zu halten.
Luxusboutiquen und Bijouterien verschwinden hinter Bretterwänden. Die Banken werden bis auf Höhe des zweiten Stocks verbarrikadiert. Stacheldraht schützt vor Fassadenkletterern. Lausanne wird zum Sperrgebiet (siehe Grafik oben).
Spitäler arbeiten nach dem Katastrophen-Dispositiv: Medizinische Aussenposten werden eingerichtet, wo Opfer der Demonstrationen vor dem Transport ins Spital versorgt werden können. Auf der Rega-Basis Lausanne-Blécherette ist ein zusätzlicher Helikopter eingetroffen.
Christiane Brunner, warum gehen Sie an die Genfer Demo?
BERN/GENF. SP-Chefin Christiane Brunner (56) ruft zum Marsch nach Genf auf. Ihr Credo: «Je mehr kommen, um friedlich zu demonstrieren, umso besser.»
BLICK Frau Brunner, wie lebt es sich zurzeit in Genf?
Christiane Brunner «Es geht. Ich habe das Gefühl, hier sei ein bisschen der Sicherheitswahnsinn ausgebrochen.»
Ladenbesitzer verbarrikadieren sich, Banker verschanzen sich hinter Stacheldraht. Es herrscht der Eindruck, man bereite sich auf Krieg vor.
«So kommt es mir vor, genau. Das schürt in der Bevölkerung nur grundlose Angst.»
Grundlos? Immerhin werden tausende gewaltbereiter Demonstranten erwartet.
«Ich glaube, die getroffenen Sicherheitsmassnahmen erlauben eine Aussonderung von gewalttätigen Chaoten und eine friedliche Kundgebung.»
Sie rufen Ihre Parteimitglieder ausdrücklich zum Marsch nach Genf auf. Wollen SIe Ihre Stadt ganz lahm legen?
«Ich bin selber Genferin und will nichts lahm legen. Ich wünsche mir eine kritische, friedliche Auseinandersetzung mit der Politik der Grossmächte. Mir ist lieber, wenn dazu friedliche SP-Mitglieder aus der ganzen Schweiz nach Genf kommen, als Chaoten aus Deutschland oder sonstwo.»
CVP-Chef Philipp Stähelin ruft zum Daheimbleiben auf, gewissermassen zu einer Nicht-Demo als Demonstration gegen die Gewalt. Wäre das nicht besser?
«Zähne putzt man zu Hause, Politik macht man zusammen mit den Leuten. Wer demonstrieren und damit den Staatschefs eine Botschaft übermitteln will, muss das tun dürfen.»
Sie glauben nicht, dass Ihre Plakate mit dem Slogan «Acht Flaschen löschen keinen Bush-Brand» die Stimmung anheizen?
«Das ist doch in keiner Art eine Billigung oder sogar ein Aufruf zur Gewalt. Das Plakat drückt auf eine wie ich finde humoristische Art aus, worum es bei der Kritik am G8-Gipfel geht.»
Aha. Worum denn, gegen was genau demonstrieren Sie eigentlich?
«Gegen die Politik der mächtigen Länder im puren Eigeninteresse, wie sie durch den G8-Gipfel symbolisiert wird. Ich habe nichts dagegen, dass sich die Staatschefs der mächtigsten Länder in Evian treffen. Aber sie sollten darüber diskutieren, wie der Hunger auf der Welt bekämpft werden kann, wie die armen Länder aus der Verschuldung kommen und wie die Weltwirtschaftsordnung so gestaltet werden kann, dass die Entwicklungsländer und nicht nur die reichen Industriestaaten von der Globalisierung profitieren können.»
Urs moser |
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