|
In Evian (Frankreich) findet vom 1. bis zum 3. Juni der Gipfel der acht mächtigsten Industrienationen statt. Dieses Ereignis lässt eine ganze Region dem Wahnsinn verfallen. In Genf (Schweiz) werden Schulen und Geschäfte vorübergehend geschlossen, Abschlussprüfungen werden verschoben etc.. Die Kloakenpresse heizt seit Wochen die Stimmung an. So wurde angekündigt, die Post stelle ihren Dienst während des Gipfels ein. Aus Sorge um die Sicherheit der Briefträger. Dieses Vorhaben wurde bereits gestern rückgängig gemacht. Heute war zu lesen, dass die Kantonsspitäler in Genf und Lausanne geplante Operationen verschieben, das Personal sei in Alarmbereitschaft versetzt worden, um allfälligen schwerverletzten DemonstrantInnen eine angemessene Notfallversorgung zu gewährleisten. Im „Le Matin“ von heute wird Henry Corbaz, der Direktor des CHUV (Kantonsspital des Kantons Wadt) zitiert, es seien Massnahmen getroffen worden um den möglichen Fluss von Schweverletzten zu bewältigen. In dieses Szenario sei auch das Kantonsspital Zürich eingebunden. Die Spitäler sind offensichtlich Teil des repressiven Dispositives. Die Ankunft der 1000 deutschen Bullen am Flughafen in Genf wird für heute und morgen festgesetzt, wo sie die schweizer Armeeangehörigen verstärken sollen, bestehend aus dem Flughafen Batallion, das durch 600 weitere Soldaten und M-113 Schützenpanzer, verstärkt werden soll. Die bürgerliche Presse hat ihre Aufgabe erfüllt und versetzt die BewohnerInnen Genfs seit längerem in Angst und Schrecken. Ein Klima des Einschüchterung ist mit grossem Erfolg geschaffen worden. Die Repression wird von vielen wohlwollend hingenommen. Wer wird „uns“ vor dem Einfall der Barbarenhorden schützen können? Werden die 30'000 Sicherheitskräfte ausreichend sein, das Schlimmste zu verhindern?
Die Tribune de Genève von heute gibt den LeserInnen wertvolle Tips, um ihr Verhalten den Gegebenheiten anzupassen, die sich wie folgt zusammenfassen lassen: „ Schliessen sie sich in ihrem Zimmer ein, sehen sie fern und warten sie, bis ihr Leben vorbei ist.“
Was ist denn nun los in Genf?
Im Gegensatz zu anderen Gipfeln, prägen hier nicht Bullen das Stadtbild, sondern fleissige Handwerker, die hunderte von Gebäuden mit Schaltafeln einkleiden. Die Holzwände reichen zum Teil bis in die Obergeschosse und werden oft an Stahlträger befestigt, die solide mit dem Gehsteig verankert worden sind. Das Kleingewerbe blüht unter dem Druck der bevorstehenden Ereignisse. Genf fehlen nicht nur die Repressionsbüttel sondern auch die Handwerker, die auch von Zürich hergekarrt werden. Eine kurze Plauderei mit einem Zimmermann aus Zürich hat ergeben, dass er die Bedrohungssituation durchaus für real hält. Die Polizei habe ihnen mitgeteilt, alleine gestern seien 5000 ChaotInnen in Genf angekommen. Er wird bis am Ende der Proteste in Genf bleiben, um die ganzen Bretter wieder entfernen. Der einwöchige Montageeinsatz wird Tarifgemäss entlöhnt, Kost und Logis einbegriffen. Die Kosten für diese Einbunkerung und für die Geschäftsausfälle (die Gewerkschaft SMUV schätzt, das 10-15% der Geschäfte während des Kongresses schliessen werden) sind als erster Erfolg für die Black-BlockerInnen zu verbuchen. Das Wirtschaftsleben wurde mühelos gestört und viele Geschäfte erleiden bereits jetzt erste Verluste.
Und was meinen die CasseurEs dazu? Die Vielen Bretterwände bieten bis zu ihrer Entfernung eine Ideale Fläche für eine alternative Gegenöffentlichkeit Sie künden bereits jetzt von regen nächtlichen Aktivitäten, die bis zum Ende des Gipfels anhalten werden. OptimistInnen sehen die Zeit für angemessene Proteste gegen eine mörderische Wirtschaftsweise als günstig an und sind auch bereit zu warten, bis die Bretter wieder entfernt werden. Nachdemo!
Die Wände lernen zu sprechen Überall sind Parolen zu lesen. Ein paar Beispiele:
„Tremble Bourgeois“ (zittere Bürger!)
„Police bastard“
Auf der Verschalung einer Buchhandlung steht geschrieben: „Livres ou armes, le G8 a choisi“ (Bücher oder Waffen, der G8 hat gewählt)
Weitere Parolen sind: „ On se fait du bonheur une idée offensive“ (Wir machen aus dem Glück eine offensive Idee)
„Je casse, tu casses, elle casse, nous cassons, vous cassez, ils tuent «
« Vous allez crever et vos pallisades n’y pourront rien » (ihr werdet verrecken, und eure Palisaden werden nichts dagegen tun können »
„Les riches jouent au golf, les pauvres ramassent les balles“ (Die Reichen Spielen Golf, die Armen sammeln die Bälle ein)
„Un monde plus juste, fait il si peur?“ (Macht eine gerechtere Welt soviel Angst)
In der rue de la corraterie, dem Geheimtip der CasseurEs, hat die Arroganz der Macht es bisher nicht zugelassen, dass die Gebäude fachgerecht geschützt werden. Und was mit fachgerecht gemeint ist zeigt sich am Beispiel der Crédit Suisse an der Ecke Rue de la conféderation-rue de la monnaie. Die Bretter sind dort mit Nägelchen an den massiven Kanthölzern befestigt, so dass ein einfaches Brecheisen oder ein stabiler Schraubenzieher genügen um sie loszumachen. Da die Versicherungen für Schäden nur aufkommen, wenn die Schaufenster entsprechend geschützt werden, täten sie gut daran, sich die Qualität der Arbeit einmal anzuschauen. Die Kosten, die solch schluddrige Arbeit erzeugen wird, sollten alleine bei den jeweiligen Geschäften bleiben, die mit den Sachbeschädigungen auch geschädigt werden sollen. Damit wären auch die CasseurEs und weite Teile der Bevölkerung zufriedengestellt.
Die Nach(t)demos Alle Bullen und Soldaten, Helikopter (die französische Luftwaffe wird mindestens 60 im Einsatz haben, wovon 10 immer in der Luft sein sollen, Überwachungsdrohnen, Schützenpanzer und Maschinengewehre, Taucher und Kampffllugzeuge werden nicht verhindern können, dass sich Menschen unkontrolliert in der Stadt bewegen werden, um sich so zu verhalten, wie es ihnen beliebt. Der Lärm berstender Scheiben wird die Stille der Nacht durchdringen. Das Glitzern der Scherben im Lichte der brennenden Schaltafeln wird uns noch lange in guter Erinnerung bleiben.
|
|