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Bund 13.5.2005
http://194.209.226.170/pdfarchiv/bund/2005/05/13/11002Zion20050513_1.pdf
Ewige Lüge – von Hitler bis Hisbollah
100 Jahre «Protokolle der Weisen von Zion» und kein Ende – wiewohl vor 70 Jahren im Berner Prozess als «lächerlicher Unsinn» entlarvt
Hundert Jahre sind sie alt und längst als Fälschung entlarvt – doch mit den «Protokollen der Weisen von Zion» wird weiter Judenhass genährt. Dieser Tage jährt sich der weltweit beachtete Berner Prozess zur antisemitischen Propagandalüge zum 70. Mal. Der «Bund» besuchte die mutmasslich letzte lebende Zeugin des Prozesses von 1935. Rudolf Gafner
Eine alarmierende Enthüllung war es, immerhin gings um nicht weniger als um eine Weltverschwörung: Am Basler Zionistenkongress von 1897 habe ein konspirativer «Rat der Weisen von Zion» in 24 Kapiteln einen Geheimplan zur Erringung der Weltherrschaft («Reich Zion») gefasst. So stand es in den «Protokollen der Weisen von Zion», die in Russland zunächst auszugsweise (1903), dann komplett (1905) auftauchten und ab 1918 millionenfach in Europa verbreitet wurden.
Freilich: Die Sensation war Fiktion, das Elaborat ein Falsifikat. Im zaristischen Geheimdienst Ochrana war das Machwerk um 1898 verfasst worden, um Russlands Reaktionäre gegen Reformer zu stärken – Hass sollte weg vom Zaren auf die Juden gelenkt werden. Das konnte, wer wollte, bereits 1921 wissen, als die Londoner «Times» nachforschte und die Fälschung aufdeckte.
Hitler und die «innere Wahrheit»
Nur wollten dies längst nicht alle wissen. «Ganz gleich, aus wessen Judenkopf die Enthüllungen stammen, massgebend aber ist, dass sie in geradezu grauenerregender Sicherheit das Wesen und die Tätigkeit des Judenvolkes aufdecken», fand Adolf Hitler. Sein Chefideologe Alfred Rosenberg sagte, es gehe ohnehin um die «innere Wahrheit» der «Protokolle». Um Glaubenwollen also ging es den Nazis – auch in der Schweiz, wo Frontistenchef Alfred Zehner sagte, man könne ihm hundertfach das Gegenteil beweisen, er glaube an die «Protokolle». Nach Hitlers Machtergreifung 1933, im Schweizer «Frontenfrühling», brachten die Nationale Front (NF) und der Bund Nationalsozialistischer Eidgenossen (BNSE) in Bern die «Protokolle» unters Volk – und der völkische Schweizer Volksbund sandte die Schmähschrift an alle Bundesräte und Nationalräte.
Schweizer Juden wehren Nazis . . .
Schweizer Juden wehrten sich: Der Israelitische Gemeindebund, Verband der 18 000 Juden im Land, und Berns jüdische Gemeinde gingen vor Gericht. Ein Exempel sollte statuiert werden: Erstmals wollten Juden mit einem gross aufgezogenen Prozess offen gegen Nazi-Antisemitismus antreten und die «Protokolle» vor aller Welt einwandfrei als Fälschung entlarven. «Wir Juden waren beunruhigt», erinnert sich die Bernerin Odette Brunschvig-Wyler (88), mutmasslich letzte lebende Zeugin des Prozesses, im «Bund»-Gespräch. «Persönlich erlebte ich 1933, 1934 keinen Antisemitismus, aber es gab die Märsche der ,Fröntler‘ – und es kamen die ersten Flüchtlinge aus dem Reich.»
. . . und die Welt schaut nach Bern
So kams in Berns Amthaus 1934 zum Prozess. «Der Assisensaal war zum Bersten voll», so Brunschvig. Selbst aus den USA waren Journalisten gekommen. Deutsche Presse war auch da – voran der «Völkische Beobachter», der dem «Judenprozess in Bern» eine ganze Serie widmete, kommentiert von Reichsleiter Rosenberg. «Eine unglaubliche Spannung herrschte. Es war ja das erste Mal, dass wir Juden uns gegen Deutschland vorwagten», sagt die damals 18-Jährige, die keinen Tag im Gerichtssaal verpassen wollte – schon nur, weil Georges Brunschvig, den sie 1935 heiratete, als Anwalt der jüdischen Kläger auftrat. Mangels besserer Grundlage (es gab kein Antirassismusgesetz) beriefen sich die Anwälte Brunschvig und Hans Matti auf das bernische Schundliteraturgesetz von 1916. Angeklagt waren namentlich Silvio Schnell von der Berner NF und der Zürcher Theodor Fischer, Führer des BNSE, der im Blatt «Eidgenoss» offen die NS-Rassenlehre vertrat.
Hilferuf aus Bern an Rudolf Hess
Brunschvigs Seite hatte ihre Beweisführung gut aufgebaut. Russische Historiker traten auf, Zeugen des Zionistenkongresses auch, so Chaim Weizman, der spätere erste Präsident Israels. Für die Beklagten sah es schlecht aus. Sie boten kaum mehr als Polemik und Agitation – und fanden keine Experten für ihre These von der Echtheit der «Protokolle». Besorgt schrieb Ubald von Roll, Berner NF-«Gauführer», 1934 an das «Braune Haus» in München; ohne Hilfe sei der Prozess verloren. Hitler-Stellvertreter Rudolf Hess erhielt den Brief, und es konnte geholfen werden: Ulrich Fleischhauer, ein Oberstleutnant a. D., Leiter des antisemitischen «Weltdiensts» in Erfurt, trat als «Judenexperte» in Bern auf, um die Kameraden («unerfahrene Idealisten») «herauszuhauen». Fleischhauer referierte ganze viereinhalb Tage lang, wobei sein «Gutachten» rassistische Ausfälle primitivster Art enthielt – so dass der als Gerichtsexperte gerufene Berner Schriftsteller Carl Albert Loosli ihm «Mordgeschichten und Schlüpfrigkeiten angeblicher Talmudzitate» auf dem Niveau eines minderwertigen Kriminalromans vorhielt. «Schrecklich, wie dieser Mann redete», so Odette Brunschvig, «wie Goebbels, schlimmer gar. Nie vergesse ich Fleischhauers Satz von wegen ,den Judenweibern, die ihre Kinder mit Spucke waschen‘.»
1935: Antisemitismus verliert . . .
Fleischhauer beschwerte sich umgekehrt 1935 direkt bei Bundes-präsident Rudolf Minger über «Beschimpfung» durch Loosli, und die deutsche Botschaft verwahrte sich gegen «Beleidigungen des Deutschen Reiches» – worauf Bundesbern, bemüht, Berlin nicht zu reizen, via Regierungsrat «dringend» bat, «die vaterländischen Gefühle des Herrn Fleischhauer und seiner Landsleute nicht zu verletzen». Am 14. Mai 1935 sprach Richter Walter Meyer (ein Sozialdemokrat) das Urteil: Die «Protokolle» seien «lächerlicher Unsinn», ein Plagiat, «mit einem Höchstmass an Wahrscheinlichkeit» auch ein Falsifikat, – und ja, sie verstiessen gegen das Schundliteraturgesetz. Schweizer Parteien und die Presse werteten das Urteil fast durchwegs positiv. Fast euphorisch wurde man im Jewish Central Information Office in Amsterdam: Erstmals seien die «Protokolle» als Fälschung gerichtlich gebrandmarkt, das Berner Urteil sei im Kampf gegen den NS-Antisemitismus von «weitgreifender Bedeutung». Die Ernüchterung indes folgte bald: Keine fünf Monate später erliess Hitler die Nürnberger Rassengesetze – und die «Protokolle» wurden weiter verbreitet.
. . . 1937: «Weltjudentum verliert»
Mehr noch: Die Frontisten hatten Berufung eingelegt – und siehe, das bernische Obergericht kam zu anderen Schlüssen, kassierte 1937 das erstinstanzliche Urteil: Nicht dass die «Protokolle» doch echt seien, auch seien sie in der Tat «grob Anstoss erregend» – allein, der vor allem gegen Pornografie gerichtete Schundliteraturparagraf sei nicht anwendbar. Die «Protokolle» seien als politisches Kampfmittel durchaus «Hetzartikel gemeinster Sorte» – nicht aber im engeren Sinne des Schundartikels sittlich anstössig. Während nun die jüdische Seite bemüht war, ums zweitinstanzliche Urteil wenig Aufhebens zu machen, feierten die Braunen dies als «Sieg»: «Das Weltjudentum verliert eine Schlacht», titelte die «Front» – wohlweislich verschweigend, dass das Urteil von 1935 einzig und allein aus formaljuristischen Gründen aufgehoben wurde. Die Frontisten fühlten sich stark, riefen zum «Marsch auf Bern», pinselten «Juda verrecke» an die Berner Synagoge. Den Juden war das Berufungsurteil natürlich ein Dorn im Auge – doch gingen sie nicht vor Bundesgericht, man zog Ruhe vor. «Es war 1937 schon eine Angst der Schweizer im Umgang mit Deutschland zu spüren», sagt Odette Brunschvig. 1936 hatte ein ausländischer jüdischer Attentäter den Schweizer NSDAP-Landesleiter Wilhelm Gustloff erschossen. «Wir hörten am Radio die Hitler-Reden, hatten Angst, fühlten etwas kommen, wie eine Flut.» Es folgten 1938 die «Kristallnacht»-Pogrome, 1939 Krieg, Judendeportation, Massenexekutionen, 1941 Vernichtungslager.
NSDAP-Ortsgruppe in Bern
«Man hatte Angst vor einer Invasion. Mein Mann wäre einer der Ersten gewesen, der drangekommen wäre: Sein Name stand auf einer Liste, das weiss man heute», so Odette Brunschvig. Im Übrigen fing ja Hitlers Reich nicht erst ennet der Grenze an, sondern mitunter quasi um die Ecke: Immerhin gab es eine 100 Mitglieder starke NSDAP-Ortsgruppe Bern, an der Muristrasse in der Botschaft waren Hetzfilme wie «Jud Süss» zu sehen, 1943 brachte Joseph Goebbels’ Starredner Hans Fritzsche unweit von Brunschvigs Elternhaus an der Schänzlihalde den Berner Kursaal zum Kochen. Die deutsche Gesandtschaft pflegte auch enge Liaisons zu Schweizer Nazis – wie dies bereits der Prozess um die «Protokolle» gezeigt hatte, als die Polizei 1936 bei Boris Tödtli, NF-Mann mit direktem Draht zu Fleischhauer, brisante Akten fand.
«Schweizer Behörden versagten»
Die Brunschvigs liessen sich von der Angst aber nicht lähmen – dazu hatte sie der Prozess zu tief geprägt. «Bewusste Jüdin war ich schon vorher, keine orthodoxe, aber eine bewusste – und der Prozess um die ,Protokolle der Weisen von Zion‘ hat mich bestätigt: Man muss sich wehren, darf sich nichts bieten lassen!» Sei es im Kleinen – als Odette Brunschvig im Sulgenbach-Schulhaus vorsprach, weil Tochter Pierrette dort «Saujud» hören musste. Sei es im Grossen – wie Gatte Georges, der 1938 Fremdenpolizeichef Heinrich Rothmund anprangerte, weil dieser Berlin den «Judenstempel» in Pässen vorschlug. Und 1942 protestierte Brunschvig, als belgische Flüchtlinge in ihrem Versteck auf Berns jüdischem Friedhof verhaftet und ausgeschafft wurden – sie wurden in Auschwitz getötet. «Wir fühlten uns als Schweizer, waren aber schon wütend – denn die Schweizer Behörden versagten auf der ganzen Linie», klagt Odette Brunschvig. 28 000 Flüchtlinge hätten in der Schweiz überlebt, ebenso viele Juden aber seien an der Grenze abgewiesen worden. Brunschvig, damals selber Flüchtlingshelferin, hatte in ihrer weiteren Verwandschaft selber Opfer zu beklagen: Ein Schwiegersohn und ein Enkel ihrer Grosstante, denen bei Genf die Flucht aus Frankreich misslang, kamen ums Leben.
«Protokolle» feiern Renaissance
60 Jahre ist der Krieg nun her, 70 Jahre der Prozess. Odette Brunschvig lehnt sich im Sessel ihrer Seniorenwohnung im Berner Egghölzli zurück, sinniert. «Immer wieder in meinem Leben hat mich der Prozess eingeholt.» Dass der Gerichtsfall von 1935 sie nicht loslässt, kann umso weniger erstaunen, weil die wahnwitzigen «Protokolle der Weisen von Zion» auch heute nicht aus der Welt sind, ja im Gegenteil sogar eine Auferstehung feiern: Neonazis, Rassisten und religiöse Sektierer «debattieren» den alten Ochrana-Schmarren im Internet, im Jahr 2000 gab ein Fall in Bern zu reden. Besonders verbreitet aber sind die «Protokolle» heute in der arabischen Welt, wo antisemitische Klischees zu Propagandazwecken gegen Israel ausgebeutet werden: Ob iranische Mullahs oder palästinensische Hamas, Protest gegen Israel bedient sich allenthalben judenfeindlicher Zerrbilder. In Ägypten soll 2002 eine TV-Serie mit auf den «Protokollen» basiert haben – und 2004 fanden die «Protokolle» auf diesem Weg sogar den Weg zurück nach Europa: Das von der islamistischen Hisbollah betriebene libanesische Fernsehen «Al-Manar» strahlte eine offenbar mit Hilfe von syrischen Stellen realisierte Serie über die «abscheuliche Geschichte des Zionismus» aus; Paris verbot den via Satellit auch in Frankreich empfangbaren Hisbollah-Kanal. «Wie kann es möglich sein, dass die ,Protokolle‘ heute noch herumgeboten und geglaubt werden? Es ist mir ein Rätsel. Ich sah doch, wohin solches führt – sechs Millionen Juden sind umgekommen», seufzt Odette Brunschvig. Und so gebe es für sie auch 70 Jahre nach dem Prozess nur eines: «Aufklären – immer wieder!» Dabei hilft die 88-jährige Bernerin gern: Letzten Herbst etwa drehte ein TV-Team aus Israel mit ihr in Bern Szenen für einen Film.
«Deutschland nie!» – Jetzt doch?
In Israel war sie oft – in Deutschland nie. «1945 schwor ich mir, nie nach Deutschland zu reisen.» Nun, nach 60 Jahren, tut sie es vielleicht doch. Odette Brunschvig ist nämlich zu einer Carfahrt nach Baden-Baden eingeladen. «Eventuell gehe ich mit. Ich überlege es mir noch.»
[i] Einige jüngere Literatur zum Thema: Norman Cohn: «Die Protokolle der Weisen von Zion» (1965); Hadassa Ben-Itto: «Die Protokolle der Weisen von Zion» (1999). Von Berner Autoren: Urs Lüthi: «Der Mythos von der Weltverschwörung» (1992); Catherine Arber: «Frontismus und Nationalsozialismus in der Stadt Bern» (2003).
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Kann hier irgendjemand eine Übersetzung des Talmuds aus dem Hebräischen ins Deutsche oder Englische posten? Wenn möglich, komplett und nicht interpretiert und sich exakt an den Originaltext haltend?
Vielen Dank für die Bemühungen.